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Pangai
Kokos, Taro, Fisch
"Kein tongaisches Gericht servieren!" ist die goldene Regel wenn man hier ein Restaurant führt. Gut, das ist nur die Pflicht, aber jedes anständige Lokal erfüllt auch locker die Kür, welche vorschreibt, möglichst auch keine lokalen Produkte zu verwenden.
So bekommt der Besucher nie, aber auch wirklich nie, mit Kokosnussmilch im Bananenblatt gekochte Taroblätter serviert. Das schmeckt sehr lecker und entspricht in etwa unserem Spinat, geschmacklich jedoch durch die Süsse der Kokosnuss abgerundet. Schmeckt nicht nur, ist auch hübsch anzuschauen, da das Bananenblatt zu einem Säckchen gefaltet und oben zusammengebunden wird.

Am Strassenrand im Schatten der Bäume warten, sitzend und liegend, vom späten Morgen bis in den frühen Nachmittag tongaische Frauen mit einer grossen Kühlbox auf hungrige Gäste. Nur halten die Boxen nicht kühl sondern heiss. Eben jene Essensportionen in Bananenblättern, manchmal mit Fisch, Fleisch oder Tapioka angereichert. Zur Nachspeise wird dann Bananen- oder Mango-Cake gereicht. So versorgen sich die vorbeifahrenden Arbeiter mit einem schmackhaften Mittagessen.

Taro (Wasserbrotwurzel) kann bis zu zwei Meter hoch werden, hat dann riesige Blätter und eine bis zu vier Kilo schwere, stärkehaltige Knolle. Die Knolle wird in der Küche wie Kartoffeln verwendet, muss jedoch vor dem Verzehr durch mehrmaliges Abgiessen des Kochwassers entgiftet werden.

Selbstverständlich würde es auch keinem Koch einfallen ein Gericht mit Tapioka oder Maniok auf die Speisekarte zu setzen, werden doch beide Nahrungsmittel in Tonga angebaut und von der lokalen Bevölkerung hoch geschätzt. So ist die hier am häufigsten vorkommende Form der Pflanzung ein Hain mit in lockerem Abstand gepflanzten Kokospalmen und darunter abwechselnd oder gemischt Taro, Tapioka, Maniok und ein paar Bananenstauden. Bananen werden als Ess- oder Kochbanane geschätzt, bevorzugt jedoch die auch bei uns bekannte roh zu verspeisende Essbanane. Dazwischen oder in der Nähe der Häuser stehen auch riesige Mangobäume.

Von meinem Fale in einer Kokosplantage am östlichen Rand von Lifuka nach Pangai, der Hauptstadt der Ha'apai Gruppe, sind es mit dem Fahrrad etwa zehn Minuten. Man fährt auf einem sandigen Strässchen abwechslungsreich durch Gärten und Pflanzungen. Gelegentlich fängt einer der Büsche am Wegrand an zu rascheln und knacken und quiekend rennt ein durch meine Fahrt aufgeschrecktes, schwarzes Schwein um sein Leben, oft gefolgt von einem halben Dutzend kleiner Ferkel.

Die in den Pflanzungen arbeitenden Menschen schauen kurz auf, winken, nicken oder grüssen freundlich in dem sie "Malo e'lelei", "Hello" oder "Bai" rufen.
Ein paar Felder weiter sind neue Stecklinge in die dunkle, schwarzbraune Erde gepflanzt worden und ich bin mir nicht sicher um welche Art es sich handelt. So wende ich und frage einen älteren Mann der gerade kopfkratzend am Anfang des Grundstückes gestanden hat ob die Pflanzen, wie die wenigen Blätter zu verraten scheinen, Tapioka seien? "Io", antwortet er. Das sei sein Tapioka. Er esse diesen sehr gerne, das schmecke gut zu Fisch. Er habe ein Haus gleich da vorne am Meer und er fische auch regelmässig. "Io", auch Taro pflanze er und natürlich Bananen und Kokosnuss. Er lebe gerne hier. Er habe die Schule in Australien besucht, aber da sei alles so teuer. Fast so teuer wie die Lebensmittel im Städtchen vorne. Aber, er habe hier ja alles zum Leben - was will man mehr? Wie ich heisse? So so, "Manu", das sei ja wie tongaisch. Er lächelt und seine Zahnlücke lächelt mit ihm und ich lächle auch. Es habe ihn gefreut und wir würden uns ja sicher wieder sehen, wenn ich diesen Weg entlang radle.
So radle ich weiter durch dieses Meer aus Kokospalmen die ihre Blätter in Wind schwenken und durch diesen Geruch von feuchter Erde. Eine kleine, schwarze, an einem Palmenstamm angebundene Kuh muht mir nach und ihre Artgenossen heben die Köpfe und blicken dem seltsamen Wesen mit den zwei Rädern nach.

Ja, die Kokosmilch hat es geschafft. Sie hat es selbstredend nicht geschafft als Trinkkokosnuss auf den Getränkekarten zu stehen. Diese bekommt man nur als Einheimischer im eigenen Garten oder in Nuku'alofa an drei oder vier schäbigen Ständen beim Busbahnhof. Alte, runzlige Frauen hacken bei Bedarf eine Nuss auf und reichen diese mit einem Trinkhalm versehen im Tausch gegen zwei Pa'anga dem Durstigen. Für ein Restaurant, ein Café oder eine Bar ist das viel zu primitiv. In die Sauce zum Lobster polynesian Style hat sie, die Kokosnussmilch, dann doch Zugang gefunden. Oder zu den Prawns oder Shrimps auf polynesische Art. Nur, so exotische Gerichte habe ich bis anhin lediglich in einem Restaurant auf der Karte gesehen.

So sitze ich jetzt hier im Mariners Cafè in Pangai und nage an meiner Vegetarian Pizza.
Kaum habe ich den ersten Schluck Orangensaft (Zitrusbäume scheinen hier nicht recht zu gedeien, jener neben meinem Fale sieht auf jeden Fall recht mitgenommen aus) getrunken setzt sich ein zweiter Gast an den hintersten Tisch der Terrasse. Auch ein Palangi. Rotes kurzes Haar, eine kleine Nickelbrille und leicht sommersprossige Haut. Er hat sich eine Cola bestellt. Ich vermute, dass er mit seinem griesgrämigen Gesicht und dem leicht beleidigten Ausdruck darauf hinweisen will, dass es zu regnen begonnen hat.

Es ist jetzt halb drei und drei weitere Personen, offensichtlich Amerikaner, betreten das Cafè. Sie arbeiten, wie das folgende durch mich mitgehörte Gespräch verrät, für das UPC. Ich denke das dürfte in etwa US Peace Corps heissen. Es ist auf jeden Fall das einzige Gebäude in Nuku'alofa an dem eine grosse Tafel klar stellt, dass sich jeder Angestellte oder Besucher zuerst beim Schalter des Sicherheitsdienstes zu melden habe. Egal. Ein Cola, ein Bier und ein Cola light finden ihren Weg auf den Tisch. Inzwischen ist auch eine lebhafte Diskussion darüber entbrannt, ob das Flaschenwasser aus Fiji oder Neuseeland besser schmecke. Dass das Leitungswasser brackig sei und das von der Bevölkerung benutzte Regenwasser zu wenig Mineralstoffe enthalte ist für sie sowieso klar. Etwas später gibt es zwei mal Burger, eine Schüssel Pommes frittes und einen Käse-Toast. Daneben eine grosse gelbe Plastikflasche Senf und eine schöne, grosse, rote Buddel mit Ketchup. Das Aussehen des Käse-Toast's löst bei einer der Damen entzücktes Gekreisch und lobende Worte aus. Ich kann das hier nicht genauer beschreiben, da mir die dazu nötigen Vokabeln fehlen. Ich für meinen Teil habe einfach unten Brot, in der Mitte Tomate und oben Käse gesehen.
Zu bestellen gäbe es übrigens noch Pasta mit roter Sauce, Käse-Burger, Vegi-Burger oder Toast mit Ei und Rauchlachs. Soviel zu Polynesien im Restaurant.
Fakalahi Me'akai gilt also nur für Einheimische - leider.


Palangi bedeutet Ausländer, Weisser
Pangai ist die grösste Stadt auf Lifuka
Pa'anga ist die Währung Tongas
Lifuka ist die wichtigste Insel der Ha'apai Gruppe
Lifuka hat etwa 3000 Einwohner
Io meint Ja
Fakalahi Me'akai heisst "Mehr Essen" und steht auf jeder tongaischen Münze

Dieser Text stammt ursprünglich vom 21.09.2006
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© Manuel Rüetschi - Zuletzt aktualisiert 19.05.2008 Kontakt | Sitemap | Impressum |