Eigentlich kommt es mir ja recht gelegen, dass der König abgekratzt ist. Das gibt ein wenig Würze - erst recht an einem Ort wie Tonga wo normalerweise eigentlich überhaupt nichts passiert.
Jetzt ist also endlich etwas geschehen, und das nach drei sonnigen, regenlosen Tagen.
Es gibt hier genau genommen kein gutes Wetter. Wenn es regnet verwandeln sich die Strassen in in hübsche Seelandschaften in denen sich die Schweine suhlen, Autoreifen in tiefe Löcher platschen und die Fussgänger mit ihren Flip-Flps durch knöcheltiefen Sumpf waten. Im Gegensatz zu trockenen Zeiten können weder Autofahrer noch Fussgänger die wahre Tiefe der gefüllten Schlaglöcher abschätzen und so kommt es doch gelegentlich zu unbeabsichtigten Tiefseeexpeditionen. In den Gärten bilden sich innert Kürze kleine oder grössere Nassbiotope aus denen ab und zu das Gerippe eines verrosteten Automobils hervorlugen.
Geschieht dann doch einmal das westpazifische Wunder und der unendliche Wolkenteppich reisst für ein paar Tage auf, so konvertieren Strassen zu Staubpisten und jedem vorbeieilenden Auto folgt eine staubige Wolke. Der an diesen, heissen Tagen prinzipbedingt kräftiger abgesonderte Schweiss bietet dann den optimalen Ruheplatz für den aufgewirbelten Staub und Dreck. Hat man dann als Radfahrer noch das Vergnügen von einem Lastwagen überholt zu werden wird man gründlich sandgestrahlt.
Heute war also ein warmer sonniger Tag und ich bin wie so oft die paar Kilometer von Tofoa nach Nuku'alofa geradelt. Das Ziel war, unter anderem, das Immigration Office in dem ich meine Aufenthaltsgenehmigung auf mehr als 30 Tage verlängert haben will. Da hierfür auch ein Passfoto erforderlich ist, mache ich mich dreckig und schwitzend auf die Suche nach dem einzigen Geschäft, das ein entsprechendes Bild zu erstellen in der Lage ist - gepudert bin ich ja schon.
Die Flagge vor der Neuseeländischen Botschaft ist auf Halbmast gesetzt. Auf einer Leiter steht ein Angestellter, der nach Anweisung seines Vorgesetzten an der Balkonbrüstung einen etwa meterbreiten schwarzen Stoffstreifen befestigt. Davor wird ein schmaleres violettes Band gehängt. So vor der Botschaft. So vor dem Bücherladen. Über den Schaufenstern eines Haushaltgeräte-Geschäftes wird soeben von einem bedenklich schwankenden, fahrbaren Gerüst aus der Trauerflor befestigt. Auch vor der Verkaufsstelle einer wohltätigen Frauenorganisation ist der Gartenzaun vollständig hinter dem schwarzen Stoff verschwunden und unzählige Zäune und Hecken um private Grundstücke tun es ihm gleich.
Was sonst in Tonga samstags Tradition hat, geschieht ausnahmsweise auch heute. Die Menschen fegen den Strassenrand vor ihrem Haus, schneiden braune Blätter von den Palmen, stutzen die Hecken und mähen die Rasen. Von jeder erdenklichen Richtung tönt das scharfe Knattern der Rasentrimmer. Alles soll aufgeräumt und ordentlich sein, soweit das auf dieser Insel möglich ist.
Zusätzlich wurden Schulklassen mobilisiert, die um den königlichen Palast und die Grabstätte der Königsfamilie auf den Knien dem Wildwuchs des Unkrauts ein jähes Ende bereiten. In ihren farbigen Schuluniformen gleichen sie einer flatternden Schmetterlingsfamilie auf dem grünen Rasen.
Hecktisch werden die Banner welche sich über die Hala Vuna spannen überpinselt. Auf ihnen stand bis jetzt "Wir gratulieren seiner Majestät zum 88. Geburtstag" und "Tourismus geht uns alle etwas an".
Hinter dem Palast, am Strassenrand, sitzen ein Dutzend Frauen im Schatten alter Bäume. Einige weinen. Auf dem Gelände des Königspalasts, der ein wenig traurig in die Ferne des blauen Pazifiks starrt, werden geschäftig wahrhaftig Berge von Tapas hin und her geschoben, ausgerollt und auf Statthaftigkeit geprüft. Was dies im Bezug auf Tapas bedeutet kann ich nicht sagen, da in Tonga viele Dinge nicht nach ihrer (in unseren Augen) Makellosigkeit beurteilt werden, sondern vielmehr bedeuten oft Alter und Gebrauchsspuren, sofern der Gegenstand noch benutzbar ist, einen hohen Wert.
Kein tongaischer Haushalt kommt ohne Tapa aus und nur wer keinen Tapa besitzt, gilt auf Tonga als wirklich arm. Tapas sind Teil des tongaischen Alltags, sie dienen als Kult- und Gebrauchsgegenstand, fungieren als Statussymbol und sind eng mit der tongaischen Familienkultur, Lebensart und Tradition verwoben. Tapas begleiten Tonganer sogar noch über deren Tod hinaus. Es sind Stoffe oder Matten aus Baumrinde welche in stunden- und tagelanger Arbeit durch andauerndes Schlagen mit einem Holzklöppel dünn, weich und breit geworden ist und dann zusammengeleimt wurde. Die hellbraunen rohen Tapastücke werden mit dunkelbrauner Farbe aus Mangrovenwurzelsaft verziert und sind je grösser um so wertvoller. Tapas sind auf Tonga das Geschenk der Wahl bei Beerdigungen, Hochzeiten und königlich-noblen Anlässen.
Bei Begräbnissen werden Leichnam oder Sarg in etliche Lagen Tapa gewickelt, bevor über dem Grab Sand angehäufelt und die Grabstätte nach tongaischer Sitte farbig mit Plastikblumen und einem bestickten Stoffteil, das entfernt einer Steppdecke ähnelt, dekoriert wird.