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Nuku'alofa
Die Süsse in der Luft
Ja, die süssen Reize der Südsee. Sie liegen in der Luft. Man riecht sie beim Gang durch den Garten, beim Warten auf den Bus, man riecht sie wenn man abends im Bett liegt oder wenn man nachmittags durch die Strassen der Stadt schlendert. Sehr süss, sehr schwer und sehr im Hals kratzend.
Erst habe ich gedacht, die Nachbarn würden ihren Müll im Garten verbrennen. Und dem war so.
Dann dachte ich alle Tonganer würden ihren Abfall im Garten verschmoren, verrauchen, verstinken, verglühen oder verbrennen lassen. Und dem war auch so. Schwere Schwaden von süsslich nach schwelendem feuchtem Holz, schmelzendem Verpackungsmaterial und glimmenden Gummisolen riechenden Rauches zieht durch Nuku'alofa und dessen Vororte.
Nicht immer, aber fast immer. Nicht überall, aber fast überall. Das fand ich dann doch etwas seltsam, nimmt doch auch hier Anzahl und Grösse der Gärten wie in den meisten Städten gegen das Zentrum hin ab. Die Gärten verschwanden der Gestank blieb. Eine Sinnestäuschung?

Obwohl Tongatapu in den Tropen liegt (wenn auch nur knapp) sorgen die normalerweise relativ gleichmässig wehenden Passatwinde fast immer für eine angenehme, aus Südost wehende, kühlende Brise. Mit Hilfe dieser stetigen Winde und ihren überragenden Navigationskünsten konnten die Polynesier früher segelnd auch grosse Entfernungen zwischen den Inselgruppen sicher überwinden.
Den Polynesiern wurde jedoch das Segeln zu entfernten Inselgruppen erst von den Kolonialmächten, dann im Weltkrieg durch die Kriegsparteien verboten, so dass das Wissen um die Navigation mit Hilfe von Wind, Strömung und den Gestirnen verloren ging.
Heute scheint es, kennen die Einheimischen nur noch ein Fortbewegungsmittel welches sie in der Lage sind zu steuern, das Automobil.

Vom Friends Café in Nuku'alofa, wo man, so wird gesagt, den besten Cappuccino Tongas bekommt, ist man in 5 Minuten an der Promenade am Meer. Linker Hand der rot-weisse Königspalast, rechts die Promenade, welche vorbei am Dateline Hotel zur Busstation und dem kleinen Hafen führt. Eingeklemmt zwischen Hala Vuna (wir erinnern uns: Hala, die Strasse) und den Felsbrocken aus porösem, scharfkantigem Lavagestein welche als Wellenbrecher dienen, ein grüner Streifen mit rasenähnlichem Bewuchs und um uns an die Südsee zu erinnern ein paar Palmen, die ihre Blätter im Regen hängen lassen.
Ich radle auf der Hala Vuna am Hafen vorbei weiter entlang improvisierter Cafes, kleiner und grösserer Holzhütten vor denen Hühner im Schlamm nach essbarem picken. Dann erst die Chinesische Botschaft, pompös und mit einer grossen Tafel auf der in goldenen Lettern "Schang Pen Tuk Pong" (oder ähnlich) steht.
Auf einem kleinen schmutzigen Parkplatz steht ein Anhänger, voll gestopft mit Schrott und verrosteten Fahrradteilen. Davor hockt ein älterer Tonganer zwischen mehr oder minder zerlegten Fahrrädern und ein Schild verkündet den Zweck der Sache, es Nuku'alofas Fahrradwerkstatt.
Weiter vorbei an ein paar schäbige Hütten und dann die Neuseeländische Vertretung in schlichtem aber grossem Landhaus inmitten gepflegten Rasens.
Der saubere Eindruck wird ein wenig gestört durch dicke stinkende Nebelschwaden welche sich über Rasen und Strasse wälzen. Hier im Osten der Stadt scheint ja ein gesundes Klima zu herrschen. Also, schnell weiter radeln, so wenig wie möglich atmen und hoffen, dass die Sache ein Ende hat.

Das Ende und des Rätsels Lösung ist schliesslich eine riesige Müllhalde auf der eine Horde Schweine zwischen schwelenden, schwarz qualmenden Haufen ihr Mittagessen sucht. Es ist die Mülldeponie Tongatapus, die ironischerweise am östlichen Ende Nuku'alofas (bedeutet in etwa Ort der Liebe) liegt und so dem ewig wehenden Passat erlaubt, quasi als Dankeschön, den ätzenden Gestank über die ganze Stadt und ihre Vororte zu verteilen.

Auf der anderen Seite schmiegt sich das Dorf Popua und die Lagune Tongatapus an die stinkende Stätte in der der importierte Zivilisationsmüll gärend seine letzte Ruhe sucht.

Dieser Text stammt ursprünglich vom 06.09.2006
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© Manuel Rüetschi - Zuletzt aktualisiert 19.05.2008 Kontakt | Sitemap | Impressum |