Das Restaurant wurde mir vor ein paar Tagen von Joan und Michel empfohlen. Das Lunarossa im Zentrum von Nuku'alofa serviere ausgesprochen leckere, italienische Gerichte. Es liegt im zweiten Stock eines hässlichen Gewerbegebäudes an einer der Einkaufsstrassen. Eine kleines handgemaltes Schild weist dem Besucher den Weg. Erst über einen dunklen Parkplatz, übersät mit wassergefüllten, dreckigen Löchern und aufgerissenem Belag, dann über eine Betontreppe mit nasskaltem Eisengeländer hoch zur Eingangstür mit viel versprechend goldenem Griff.
Joan und Michel leben auf Hawaii. Sie, Meeresbiologin, schleppt eine ausgewachsene Unterwasser-Videokamera mit sich herum, um bei Gelegenheit einen Buckelwal vor die Linse zu bekommen. Michel war schon an vielen ausgefallenen Orten dieser Welt. Auf den Gletschern Alaskas, in den Canyons der Weis-der-Kuckuck-wie-sie-heissen-Berge und er war sogar schon einmal einen Tag in der Schweiz, in Zermatt. Sehr schön die Schweiz, sehr schön. Er arbeitet meist als Tour Guide für River Rafting, Canyoning und solche Sachen, ist sich also gewohnt Abenteuer- und Action-Touristen glücklich zu machen. Nach Tonga fliegt Joan wieder nach Hawaii zurück und er reist noch weiter nach Australien zum Sonnenuntergang auf den Ubirr Rock, dann nach Malaysia. Zuhause in Amerika würden sie auch nur biologische Produkte kaufen und, ja, sie seien Vegetarier. Nein, nein, nicht der Tiere wegen, wegen der Industrie. Und an den Manager des Hideaway Resorts gewandt: Eua dürfe sich auf keinen Fall entwickeln und sich der westlichen Lebensart hingeben. Das müsse man unbedingt irgendwie stoppen.
Ihren dritten Kumpel haben sie übrigens auf Vava'u verloren, da er, besoffen wie er war, den Reizen der lokalen Weiblichkeit nicht widerstehen konnte oder wollte. Auf jeden Fall kam er am nächsten Tag nicht mit zum Flugplatz.
Ich aber drehe am goldenen Griff und betrete das versprochene lukullische Paradies. Roter Teppichboden in einem Raum der mit seinen glänzend gestrichenen Betonsäulen und -trägern etwas von einer kleinen umgenutzten Lagerhalle hat. Gelbe Glühbirnen in Hängelampen aus goldigem Draht und bedruckten Glasplatten werfen ihr schummriges Licht auf mit bordeauxfarbenen Tüchern gedeckte Metalltische. Eine schwarz gekleidete tongaische Dame eilt dienstbeflissen in meine Richtung um mich an einen Tisch zu weisen. Die Dame trägt Schuhe mit hohen Absätzen, was in Tonga doch als Besonderheit gelten darf. Ich lasse meinen Blick schweifen. An der Bar sitzen zwei, drei Frauen schwatzend und weiteres weibliches Servierpersonal umflattert die Gäste. Alle in Schwarz. Alle mit hohen Schuhen, einmal aus Kork, einmal Leder und Holz und das attraktivste Modell aus Plexiglas und blinkenden, farbigen Leuchtdioden. So sitze ich also auf einem Eisenstuhl, dessen Polsterung mit einem Stoff bezogen ist, der in Farbe und Muster irgendwie an einen weichgezeichneten Rembrandt erinnert. "Sitzen Sie bequem?", fragt die eine Frau, "Möchten Sie die Karte?" eine andere. Ja, ich möchte. Die Klimaanlage läuft und verbreitet den typischen Duft dieser netten kleinen Tannenbäumchen fürs Auto im ganzen Raum. Die kleine Kerze auf meinem Tisch ist leider in ihrem eigenen Wachs ertrunken. Ungefragt wird mir, als Aufmerksamkeit des Hauses, eine Tasse Suppe gereicht. Eine der Damen faltet meine Serviette auf und rückt sie so, dass Hemd und Hose vor etwaigen Kleckereien geschützt sind. Nach dem ich einen Schluck Wasser aus meinem Glas getrunken habe eilt jemand herbei und fragt "Darf ich Ihnen das Glas wieder auffüllen?". Die Suppe schmeckt nach einer Mischung aus ausgekochtem Seegras und benutztem Abwaschwasser. Besänftigend klimpert im Hintergrund unverbindliche Pianomusik.
"Woher kommen Sie?"
"Aus der Schweiz."
"Wir haben sehr viele Gäste aus der Schweiz"
"Aha."
"Wie gefällt es ihnen in Tonga?"
"Ähm, sehr gut."
Das bestellte Essen wird gebracht: Einen frischen Gartensalat, Knoblauchbrot und Meeresfrüchte-Pasta. Ich stelle einen der Teller so, dass er das Brandloch im Tischtuch verdeckt. Der Knoblauchduft wetteifert in der Nase mit dem in der Luft liegenden Parfum.
"Ist es recht?"
"Ja, danke."
Die obere Schicht des Salates schmeckt, mit ein wenig Unterstützung aus der Pfeffermühle, richtig gut. Unten hat die Sauce das Grünzeug in schlappen Matsch verwandelt.
"Sind Sie zufrieden?"
"Ja, danke."
Die Dame blinkt wieder davon.
Die chinesischen Nudeln schwimmen in fetter, rahmiger Sauce. Auch ein paar Muscheln haben sich auf den Teller verirrt.
"Darf ich Ihnen noch etwas bringen?"
"Nein, danke."
Nach Verzehr eines der vier Knoblauchbrote und der Hälfte der Rahmnudeln gebe ich mich geschlagen.
"Möchten Sie noch etwas?"
"Ja, die Rechnung bitte."
Ich sollte ja eh noch ein wenig schreiben - jetzt weiss ich auch was.