Es ist schön endlich wieder vom Bett aus den an die Küste donnernden Pazifik zu hören. Sein Rauschen und Grollen als ständigen Begleiter zu haben.
Von meinem Zimmer im Hideaway Resort auf Eua sehe ich über ein wenig Stauch- und spärlichen Baumbewuchs hinweg direkt aufs graublau wogende Wasser und dahinter am Horizont auf Tongatapu. Die flache Koralleninsel liegt dunkelgrau, wie ein Omlett auf der riesigen pazifischen Bratpfanne. Eua hingegen erhebt sich, im Westen gegen die Hauptinsel flach, im Osten bis über 300 Meter in die Höhe, um dann steil ins Meer abzufallen und nur hundertfünfzig Kilometer nordwestlich liegt, im Tongagraben, Vityaz Deep, mit 10882 Metern die zweittiefste Stelle aller Ozeane.
Alle sechs Zimmer der Anlage teilen sich zur Seeseite eine Veranda. Da diese auch der einzige Weg ins eigene Zimmer ist, lässt sich so durch die offenen Türen - und die Türen sind offen, da es sonst im Raum dunkel ist - leicht erkennen, wer gerade zu hause ist und was er treibt. Davor liegt ein zwei Meter breiter, überdachter Korallenkiesplatz auf dem einmal einfache, aus Holzresten gezimmerte Tische und Bänke gestanden haben mögen. Die vier Tische stehen noch immer da und warten auf die Stühle oder Bänke welche entlaufen oder sonst wie abhanden gekommen sind. Nur eine knallrote Mülltonne stellt sich noch kontrastvoll vor die vielleicht fünfzig Meter Buschland und das dahinter liegende Riff und Meer. Ein kleiner Pfad führt zu einer hölzernen Plattform auf Pfählen über den kantigen zerfressenen Felsen am Wasser. Hier kann man mit vom Wind zerzausten Haaren und Salz auf den Lippen auf Meer und Wellen und die vorüber ziehenden Wale schauen.
Auf der Plattform stehend, in einem der dunkelgrünen Plastikstühle der Frühstücksterrasse sitzend und in der Teetasse rührend oder auf dem Bett in Zimmer Nummer fünf liegend kann ich ab und zu die weissliche Gischtfahne der blasenden Wale sehen. Manchmal nahe, manchmal weit draussen hebt sich dann ein Teil des grauen Rückens aus den Wellen um wenige Momente später wieder in den Fluten zu versinken oder noch ein letztes Mal mit der Schwanzflosse aufs Wasser zu schlagen und in die Tiefen des Meeres abzutauchen.
So sitze ich also hier in einem dieser unsäglichen Plastikstühle, welche sich in der ganzen Welt wie eine Seuche verbreitet haben. Sie stehen neben den rostigsten Hütten, mit den weissen Beinen in Dreck und Hundekot versinkend oder im Garten stilloser Nobelhotels, in durch ihre Prägung Flechtwerk vortäuschend geadelter Variante oder eben auf der Terrasse des Hideaway. Die Frau aus der Küche bringt mir gerade einen Teller mit zwei getoasteten Sandwiches. Sie hat zu bestelltem Käse und Tomaten noch grosse Wurststücke zwischen die blassen Brotscheiben gesteckt. Vermutlich hatte sie Mitleid mit dem mageren Palangi der vor ihr sitzt. Die Wage beim Check-in, auf die sich jeder Fluggast zur Überprüfung seiner Masse stellen muss, zeigt bei mir ja auch nur wenig mehr als hundert Kilo an, für tongaische Verhältnisse ganz klar: Abgemagert und am verhungern.
Um auf diese nette Insel zu gelangen, darf man vom Reisenden denn auch schon ein wenig Anstrengung und Hartnäckigkeit verlangen.
Als ich vorgestern auf dem Flugplatz von Vava'u in der gegen das Flugfeld hin verglasten Wartehalle gestanden habe, war mir denn auch noch nicht klar, dass das kleinere der zwei Flugzeuge die Airlines Tonga besitzt, jenes das gerade vor mir auf dem Betonplatz stand, da nicht hätte stehen dürfen. Es ist nämlich das Flugzeug mit dem auf der kurzen Piste von Eua gelandet werden kann.
Nach dem ich mich dann von seiner grösseren Schwester nach Tongatapu habe fliegen lassen und für den Anschlussflug nach Eua einchecken wollte, wurde ich wieder an jenes kleine Büro mit dem ramponierten Eisenschreibtisch in dem schon einmal mein Ticket nicht gefunden werden konnte, verwiesen. Nach kurzem Warten erschien dann auch wieder der Herr mit mit Mobiltelefon und Funkgerät um mir diesmal zu verkünden, dass der Flug leider abgesagt sei.
Glücklicherweise war in "The Villa" wo ich mein Gepäck auf Tongatapu eingestellt habe noch ein Zimmer frei. The Villa liegt an der Hala Vuna in Nähe des Hafens. Nun ist "The Villa" ein etwas übertriebener Name für diesen Holzbungalow. Aber Resort ist ja ein genauso übertriebener Ausdruck für eine Ansammlung von Bruchbuden, Hotel ein grössenwahnsinniger Bergriff für eine Institution welche einmal wöchentlich am modrig riechenden Bettlaken zupft und für manches tongaische Restaurant wäre selbst die Bezeichnung Snack-Bar übertrieben.
Aber die Villa hat doch immerhin ein Dach und das ist an einem so trüben regnerischen Tag schon mal nicht schlecht. Sogar die völlig überrissenen vier Pa'anga, welche der Taxifahrer für Fahrt um die zwei Ecken, vom Reisebüro bis zur Villa, gefordert hat, habe ich diskussionslos bezahlt. Hauptsache trocken.
Als am nächsten Morgen, nach einem weiteren Besuch des Büros der Fluggesellschaft, klar war, dass die kleine Maschine nicht vor Montag wieder flugtüchtig sein würde habe ich dann den Weg zur Fähre unter die Füsse genommen. Einen rumpelnden Rollkoffer hinter mir her schleppend habe ich den Weg zur rot bepinselten "Ikale" gefunden. Sie ist eines der zwei Schiffe die zwischen Nuku'alofa und 'Ohonua pendeln. Eines rot, eines blau.
Die Passagiere haben die Wahl zwischen zwei Klassen, oben oder unten. Beide kosten gleich viel und man kann auch während der Fahrt beliebig zwischen ihnen wechseln, doch das gebotene Erlebnis könnte unterschiedlicher nicht sein.
Klasse unten
Aufgerissenes, rotes Kunstleder gibt den Blick frei auf aus den Rissen quellendes Polstermaterial und kantige Eisenprofile. Elektrokabel hängen von der Decke und aus den Löchern entfernter Schalter lugen provisorisch zusammengedrehte Litzen die mit viel Isolierband fixiert sind. Auf dem Kai neben dem Schiff wird Reiseproviant verkauft. Trinkkokosnüsse, Chips in verschiedenfarbigen Tüten, getrocknete Erdnüsse die an den Stengeln zu Bündeln zusammengebunden sind und ein rosa Süssgetränk sind auf dem kleinen Tisch versammelt. Die auf der Kühlbox sitzende Frau schabt mit einem grossen Messer überstehende Fasen von einer Kokosnuss.
Die Passagiere, fast ausschliesslich Tonganer, bringen ihre Einkäufe an Bord: Klopapier, ein Computerdrucker, eine Machete, eine neue Matte, Dichtungsringe, ein paar Schachteln Gemüse. Prall voll gestopfte Taschen und Koffer finden in einer Ecke ihren Platz. Neben der Frau welche die Fahrkarten verkauft liegen Sandwiches, mit einer quitschroten Wurst gefüllte Brötchen und frittiertes, triefend süsses Gebäck. Ich will ein Sandwich haben und von draussen hole ich mir eine Kokosnuss mit Trinkhalm. Das Brötchen soll einsfünfzig kosten. Ich gebe eine Zwei-Pa'anga-Note. Aber in der Plastikdose mit dem Geld sind keine passenden Münzen mehr zu finden, also bekomme ich halt ein Pa'anga zurück. Ich habe dann in meinem Koffer gewühlt und noch ein Fünfzig-Seniti-Stück gefunden.
Wer eine Fahrkarte haben will muss seinen Namen angeben. Vermutlich falls die Fähre absäuft.
Ein Taxi bringt noch zwei weitere Palangi. Amerikaner. Eine dürre Frau mit zerknülltem Sonnenhut und viel glitzerndem Sonnenschutz auf den Lippen. Der Mann, in ausgebeulten Hosen und staubigen Schuhen, mit einer halbfertigen Tätowierung auf dem Arm. Sie möchte noch eine Trinknuss kaufen. Es wird diskutiert, ob das Butget dies zulasse. Also doch, raus aus dem Boot, Kokosnuss kaufen, rein ins Boot. Der weiteren Diskussion kann ich nicht folgen, aber die Frau scheint aufgeregt. Dann drängelt sie sich wieder Richtung Ausgang. Nach fünf Minuten erscheint sie mit zwei orange leuchtenden Schwimmwesten.
Im Quergang liegt auf einer grossen Matte ein Baby und schläft. Klopfend starten die Schiffsmotoren. Jetzt legen sich auch die restlichen Passagiere auf Bänke und Boden - wo sich halt Platz findet - und versuchen zu schlafen. Taue werden los gemacht und das Schiff findet seinen Weg durch die vorgelagerten kleinen Inseln und Riffe. Der erste Teil der Reise geht entlang der Nordostküste Tongatapus um dann die Hauptinsel hinter sich lassend Eua mit seinen etwa fünftausend Einwohnern zu erreichen.
Kaum hat das Boot den Schutz der Hauptinsel verlassen, wird Welle für Welle grösser. Das kleine Schiff quert stampfend Wellental und Wellenkamm. Unser Kurs ist jetzt ziemlich genau Süd, und Wind und Wellen rollen von Sudwest auf uns zu. Schlingernd kämpft sich die Maschine weiter 'Ohonua entgegen.
Schachteln rutschen hin und her. Ein grosser, lindgrüner Kohlkopf ist aus einer Kiste gefallen und rollt unter den Bänken davon. Eine auf der Bank liegende Frau stemmt ein Bein gegen das Eisengestell und die Hand klammert sich an der Lehne fest. Einmal ziehend, dann wieder pressend um nicht von der Bank zu fallen. Das Kind auf der Matte hat angefangen zu schreien und ein erster Passagier eilt Richtung Toilette...
Geschickt hat der Kapitän die schmale Einfahrt in den Hafen von 'Ohonua genommen und im ruhigen Hafenwasser schwankt das Boot nur noch leicht. Die Passagiere recken sich, schütteln leicht benommen den Kopf. Erleichterung in den Gesichtern. Die alte Frau tupft sich mit einer Serviette unangenehme Resten vom Mund und ein leicht säuerlicher Geruch liegt im Passagierraum. Als ich mein Gepäck hervor hole muss ich darauf achten auf dem Boden nicht in eine feucht glitschige Pfütze zu stehen.
Klasse oben
Die Ikale ist ein seltsam schmales, längliches Schiff mit einem geschlossenen Passagierdeck und dahinter einem Laderaum an dem sich seitlich eine grosse Klappe öffnen lässt. Über diese Klappe könnte vermutlich sogar ein Automobil in den Laderaum gelangen. Doch jetzt wird das Schiff mit Mineralwasserkisten, Baumaterial, und Kartonschachteln jeder Grösse beladen.
Das Dach der Ikale hat im vorderen Teil ein Geländer und kann über zwei Leitern erreicht werden. Auf der einen Seite hat es auch eine kleine Bank für drei Leute. Ein Dutzend jüngere Tonganer lümmeln auf dem Deck herum, sitzen auf einem Stapel Schwimmplatten, lehnen sich ans Lüftungsrohr oder sind über das Absperrungsseil gestiegen um sich auf dem hinteren Teil des Schiffes einen gemütlichen Platz zu suchen. Wer nicht warten will bis die schwatzenden oder rauchenden Menschen den Platz zur Leiter freimachen klettert einfach an der Seite über das Geländer aufs Dach. Als Schweizer beschleicht einen dabei ein seltsames Gefühl, als ob im nächsten Moment ein eine Aufsichtsperson auf einen zeigen und laut "Halt! Was machen Sie denn da? Sind sie verrückt geworden? Das geht doch nicht!" bellen würde. Aber nichts dergleichen geschieht. Wer nach oben will geht nach oben, wer nach unten will nach unten. Das einzige was verboten ist, ist ins Wasser zu fallen. Und auch das würde vermutlich mit kindlichem, laut brüllendem Gelächter quittiert. Haha, er ist nass geworden. Höhöhö, kommt gebt ein Tau her dann ziehen wir ihn wieder hoch.
Aus Richtung des rostroten Containers, der das Büro der Schifffahrtsgesellschaft beherbergt, kommt eine kleine, dürre Ausländerin mit zwei hellorangen Rettungswesten gelaufen. Sie stolpert über einen Absatz und lässt eine der Westen auf den Boden fallen. Ein durch die plötzliche Bewegung erschrockener Hund springt kläffend und mit eingezogenem Schwanz davon. Ein Zittern läuft durch das Schiff - die Motoren starten. Dunkle Abgaswolken wälzen sich übers Wasser, werden vom Wind erfasst und davon getrieben. Auf dem Kai räumt eine Frau Trinkkokosnüsse vom Tisch in eine grosse Kühlbox. Eine Gruppe tongaischer Mädchen die bis jetzt einen Mann mit einer Gitarre umringt hatten schlendern zum Boot und steigen später über die Leiter aufs Dach.
Laute Rufe aus dem Führerstand. Der Mann im blauen, ölverschmierten Overall löst die Taue und der Schiffsjunge zieht sie an Bord. Die Maschinen grollen dunkel. Dann zieht die Mole an uns vorbei und schon bald wird der Hafen kleiner und macht der grünen palmenbesetzten Nordostküste Tongatapus Platz.
Die gackernde Horde Mädchen ist eine Gesangsgruppe die auf Eua auftreten wird. Ein stämmiger Tonganer erzählt mir, dass er in Neuseeland arbeite. Er sei zum ersten Mal seit sieben Jahren wieder einmal in Tonga. Er werde seine Mutter die auf Eua lebe besuchen. Er blickt etwas verunsichert in Richtung Eua, das sich langsam hinter dem südöstlichen Zipfel von Tongatapu hervor schiebt. Was hat sich wohl in den vergangenen Jahren alles verändert?
Die See wird langsam rauer und um so mehr von unserem Ziel sichtbar wird um so grösser werden die anrollenden Wellen. Das Boot hebt sich und fällt wieder ins Wasser zurück. Meterhoch schäumt die Gischt und der Wind drückt die Tropfen übers Deck. Die Mädchen kreischen auf. Das Boot rollt unter einem nach links und nach rechts und oft wundert es einen dass es nicht kentert. Schon nach kurzer Fahrt im offenen Meer sind alle nass wie mit Kesseln begossen. Man ist froh wenn die Sonne gelegentlich hinter einer Wolke hervor lugt und geniesst die Wärme. Wäre es nur ein wenig kühler würden wir alle vor Kälte schlottern. Aber so hält sich die Kühle des im Wind verdunstenden Wassers und die Wärme von Wind und Sonne gerade die Wage. Das Haar flattert im Wind und die trocknende, salzige Haut spannt. Doch schon gleitet wieder eine hohe Welle heran und das kleine Schiff wirft sich mit aller Kraft dagegen.
Nach knapp zwei Stunden Berg- und Talfahrt ist der Hafen von Eua erreicht. Wow, das war eine Fahrt!