Heute ist Sonntag. Ein regnerischer Sonntag in Neiafu und mein vierter in Tonga. Da ich mir das Hilltop Hotel gegönnt habe, kann ich von der Frühstücksterrasse die Hälfte der Stadt, links den alten Hafen (Neiafu Tahi), rechts den Port of Refuge und Teile der Insel Pangaimotu überblicken.
Eine Insel Namens Pangaimotu ist uns ja schon vor Nuku'alofa begegnet und der Hauptort von Lifuka hies, wie das kleine Dorf auf Pangaimotu in Vava'u, Pangai. Nun bedeutet Pangai eigentlich einfach ein Platz an dem Zeremonien abgehalten werden. So wurde gestern, am 10. Tag nach dem Begräbnisse des Königs Taufa'ahau Tupou IV., auf dem Pangai vor dem Königspalst in Nuku'alofa eine grosse Kava-Zeremonie veranstaltet.
Die um den jeweiligen Pangai gelegene oder gewachsene Ortschaft wurde einfachheitshalber auch Pangai genannt. Und die Insel, in einigen polynesischen Sprachen "Motu", auf der sich ein Pangai befand ist eben Pangaimotu.
In dem Meerbusen zwischen Neiafu und Pangaimotu liegen geschützt vor dem Unbill des Meeres die Yachten der Weltumsegler, der Reichen. Über ihnen steht das Wahrzeichen der Stadt, die schneeweisse St. Joseph's Cathedral. Sie gilt als Klassiker der katholischen Kolonialarchitektur.
Ich jedoch sitze vor Papaya-, Bananen- und Wassermelonenstücken, einer grossen Tasse Tee, Rührei auf Toast essend hoch über Yacht-Protzerei und katholischer Kolonialarchitektur.
So gleitet mein Blick über die Bucht des alten Hafens, wo drei, vier schwarze Flecken im durch die Ebbe blossgelegten Sand und Dreck wühlen. Gleich nebenann die mit europäischen Fördergeldern renovierte Schule um die werktags bunt bekleidete Kinder hüpfen, rennen und schreien. Auf der anderen Seite der Strasse steht VIP. Vava'u Ice Products.
Ich überlege - den nächsten Toast mit Erdbeerkonfitüre oder Orangenmarmelade? Vasi, eine reizende, ältere, tongaische Dame, die das Hotel leitet, kommt zu mir an den Tisch. "Das Wetter ist zu schlecht um Wale zu beobachten. Die See zu aufgewühlt." und "Aber morgen ist es vielleicht besser."
Der Betreiber hat die Bootsfahrt abgesagt. Schade. Ich nehme viel Butter und Orangenmarmelade. Schon auf Ha'apai wurden mir die Sahnestücke vorenthalten: Kao und Tofua.
Alle Eilande Ha'apai's ausser eben Kao und Tofua sind gehobene Koralleninseln. Kao ist ein ebenmässiger Vulkankegel, dessen höchster Punkt sich majestätisch mehr als tausend Meter über den pazifischen Ozean erhebt. Er ist im Gegensatz zu Tofua nicht mehr aktiv und von üppigem Regenwald bewachsen.
Tofua's Krater, dessen Rand die an ihm nagenden Brecher des Pazifiks um etwa vierhundert Meter überragt, beherbergt einen kristallklaren Süsswassersee und am nördlichen Rand einen kleinen, noch aktiven, dampfenden und rumpelnden Vulkan.
Die zwei ungleichen Brüder liegen um die siebzig Kilometer westlich von Lifuka und unter günstigen Bedingungen sieht man ihre Umrisse dunkel und geheimnisvoll vor den Rottönen der untergehenden Sonne stehen. Der Landgang auf Tofua ist nur bei wirklich ruhiger See ohne grösseres Risiko zu bewerkstelligen. Mangels Strand oder Hafen muss direkt vom landenden Boot auf die schroffen Felsen gesprungen werden. Auch dann scheint die Insel und ihre Bewohner Fremden gegenüber nicht immer wohlgesonnen zu sein, oder war es wenigstens 1789 nicht als die Besatzung der Bounty hier ihren Trinkwasservorrat auffrischen wollte. Unerwartet trafen sie auf kriegerisch gestimmte Einwohner, was einem der Besatzungsmitglieder das Leben kostete und in direkter Folge zu einer nicht unbekannt gebliebenen Meuterei, einem Abenteuerroman mit späterer Verfilmung und den leckeren Kokos-Schokoriegeln geführt hat.
Heute leben auf Tofua zwischen zehn und zwanzig Menschen, vor allem des in der Vulkanerde gut gedeienden Kavas wegen.
Mir jedoch war weder eine Bootsfahrt nach Tofua noch ein Bad im Kratersee gegönnt - die See war, wie auch jetzt auf Vava'u, die ganze Zeit über zu aufgewühlt.
Ich hole mir noch eine Schüssel Getreideflocken, träufle neuseeländischer UHT-Milch darüber und lasse den malzig-süssen Geschmack meinem Gaumen schmeicheln. Unter mir liegt friedlich Neiafu und aus einem halben Dutzend Kirchen wird der besänftigende Gesang gottespreisender Tonganer zu mir empor getragen.
Dann tue ich, was man an einem Sonntag in Tonga eh tun sollte: Ruhen.