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Wer schläft schon gerne im Nassen
Es regnet. Seit dem frühen Nachmittag regnet es in Strömen. Der Regen prasselt auf das Dach meines Fales, fällt rauschend auf Palmen und Bäume und tropft und plätschert von Blattwerk auf die nasse Erde. Ich sitze auf dem Bett und die grossen glänzend sattgrünen Blätter winken mir leise zu. Ich am trockenen und da draussen die Nässe: So gefällt mir das!
Aber jetzt regnet es seit Stunden. Das ist sehr schön und ich habe ein wenig Zeit zum Schreiben, nur kommt es mir im Moment gerade ungelegen, ich sollte nämlich Pinkeln gehen und das WC-Häuschen ist tropfend nasse fünfzig Schritte entfernt. Es bleibt mir keine andere Wahl: Badehosen anziehen, des Badetuch über den Kopf und hupfend barfuss über die nassen Planken.
Nicht dass mir jemand denkt ich sei wasserscheu, das Nasswerden ist hier ganz angenehm. Das Problem besteht darin, dass die nassen Kleider in der feuchten Luft nicht mehr trocken werden. So habe ich immer ein Auge darauf, dass jederzeit wenigstens ein trockenes Hemd oder T-Shirt am Bügel hängt - weil wer schläft schon gerne im Nassen?

Aber schlafen will ich noch nicht. Als aufgeschlossener, moderner Mensch kann ich - wer könnte das schon? - nicht ohne elektronische Geräte auskommen. Selbstverständlich nicht ein Gerät, nein, es muss ja telefoniert, fotografiert, geschrieben, Musik gehört und rasiert werden! Nun ist es ja nicht so, dass sich die Hersteller etwa auf ein gemeinsames System zum Laden der unzähligen Akkus hätten einigen können. Es scheint ja geradezu das ganze Prestige einer Firma daran zu hängen, möglichst viele originelle Netzgeräte mit besonders ausgefallenen Steckern zu produzieren. So befinden sich, schwer lastend, und von jedem Grenz- und Sicherheitsbeamten besonders sorgfältig geprüft, ein recht ansehnliches Sortiment solcher Geräte, mitsamt dem entsprechenden Kabelsalat, in meinem Gepäck.
In weiser Voraussicht habe ich mich denn an meinem ersten Tag in Tonga beim indischen Händler mit passenden Adaptern und einer Steckdosenleiste nach neuseeländischer Bauart, wie in Tonga üblich, versorgt.
In jeder hiesigen Unterkunft wird also die Leiste mit der Steckdose verbunden und die Geräte danken es mir indem sie grün oder stechend blau leuchten, rot blinken oder eine mattweisse Frucht dezent schimmern lassen. In jeder Unterkunft Tongas? Nein. Ein kleiner Ort im Osten Lifuka's hat sich dieser Gleichmacherei standhaft widersetzt.
Billy's Place wurde von einem amerikanischen Freund von Billy gebaut. Der Freund hat diese Aufgabe sehr ernst genommen, und auf dass es dem neuen Ort nicht an technologisch hochwertiger, elektrischer Ausstattung fehlen möge, gleich alles Nötige aus den USA mitgebracht. Amerikanische Deckenventilatoren, amerikanische Sicherungskasten, ein amerikanischer Generator und selbstredend auch Steckdosen nach amerikanischer Norm. Die Gäste aus den Vereinigten Staaten mögen darüber sehr erfreut sein, ich aber stehe mit drei abgewinkelten Kontakten vor zwei parallelen Schlitzen.
Billy zuckt nur mit den Schultern. Er hat kein Übergangsstück. Er hat eine amerikanische Bohrmaschine, eine amerikanische Wasserpumpe...
Bei den Fahrrädern habe ich dann eine grosse Zange gefunden, welche sonst beim Einstellen der Fahrradsättel hilft. Sie hilft auch hier.

Normalerweise brummt Billy's Generator ab der Dämmerung um sieben Uhr bis irgendwann gegen Mitternacht. Heute abend beginnt aber um neun Uhr das Licht zu flackern. Wenig später herrschen Ruhe und Dunkelheit.
Vereinzelt fallen noch schwere Tropfen von den nassen Blättern und entfernt tönt der sehnsuchtsvolle Schrei eines Vogels. In der Nacht hat es dann aufgeklart und Millionen von mir unvertrauten Sternen funkeln kalt und klar in der tiefdunkeln, tropischen Nacht.

Dieser Text stammt ursprünglich vom 08.09.2006
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© Manuel Rüetschi - Zuletzt aktualisiert 19.05.2008 Kontakt | Sitemap | Impressum |