Das Dorf hinter mich lassend bewege ich mich jetzt auf einer Schotterstrasse Richtung Houmale'eia Beach. Einem Strand, der in einer Werbeagentur für Südseereisen entstanden sein könnte. Weisser Sand, das Wasser erst weisslichtürkis, dann grünlichblau, dann tief dunkelblau und am Aussenriff wieder strahlend weiss aufschäumend. Die sattgrünen Büsche und Bäume spenden Schatten und wetteifern mit dem Grün der Palmen auf der durch eine nicht übermässig breite Rinne abgetrennten kleinen, unbewohnten Nachbarinsel. Bei ruhiger See kann man zu ihr hinüber schnorcheln, im Moment ist aber durch den aufgewühlten Pazifik im Osten die Strömung zu stark. Das Wasser des Strandes ist hingegen, weil auf der Westseite gelegen, sehr ruhig.
Ein, zwei Besucher stapfen mit Taucherbrille und Schnorchel ausgestattet über den Strand. Nach dem ersten kalten Kribbeln am Bauch lädt das Nass zu stundenlangem Plantschen und Schnorcheln ein. Farbige Korallengärten mit erschrocken fliehenden farbigen Fischen erscheinen, kobaltblaue Seesterne räkeln sich, aus einer kleinen Höhle tasten zwei Fühler eines Hummers und Anemonen lassen sich von der Strömung streicheln. Über alle dem weben die flirrenden Wellenlinien der Sonnenstrahlen ihr zauberisches Muster.
Erst durch das Beschlagen der Brillengläser lässt man sich verärgert wieder aus dieser schaukelnden Wasserwelt reissen.
Leicht kratzig schabt die salzige Haut am Stoff des Hemdes, das im Fahrtwind schlenkert. Es geht zum Flugplatz. Es wurde mir gesagt, die Dame, welche die Airlines Tonga auf Ha'apai vertritt, sei vermutlich gegen zwei Uhr am Check-In-Tresen anzutreffen.
Drei Tage vorher am frühen Morgen auf dem Fua'amotu Flugplatz auf Tongatapu: Ich stehe um 6:30, also eine Stunde vor geplantem Abflug um 7:30, im Büro der Airline um Voucher gegen Ticket zu tauschen. Auf einem verbeulten Eisenschreibtisch liegen, in für den Laien nicht ersichtlicher Ordnung, unzählige Stapel von unterschiedlichen Formularen, Papierfetzen, Notizzetteln und Flugtickets. Eine fette tongaische Dame in schwarzem Rock und mit umgebundener Ta'ovala (die Matte) kramt schwitzend in den Papierbergen. "Nicht da." sagt sie. Die Dame greift zum Telefon. Wenig später erscheint ein ebenso korrekt gekleideter Herr. Die mit Mobiltelefon und Funkgerät ausgestattete Person scheint der Vorgesetzte zu sein. Ein tongaischer Wortschwall ergiesst sich über den ihn. Dann sagt auch er gelassen, "Ihr Ticket ist nicht da." Eine Liste wird gefunden. Auf der Passagierliste steht er, der Name "RUETSCHI".
Er zu ihr: "Check ihn ein."
Er zu mir: "Geben sie mir den Voucher, wenn wir ihr Ticket finden, senden wir es nach Ha'apai, wo sie es am Flugplatz abholen können."
Ich fliege. Ich fliege um ca. 11:00 bei bestem Wetter über den blau in der Sonne glitzernden Stillen Ozean Ha'apai entgegen.
So hoffe ich jetzt gegen zwei Uhr am Check-In-Tresen jemanden anzutreffen der eventuell weis wo mein Ticket nach Eua und Tongatapu sein könnte. Ja, man hätte irgendetwas von einem Ticket gesagt. Aber genaueres wisse sie auch nicht. Auf jeden Fall sei noch nichts derartiges aus Tongatapu eingetroffen. Wo ich denn untergebracht sei? Billy's Place. OK. Sie werde telefonieren, falls das Papier eintreffe. Vielleicht schon morgen.
Ticketkram, Radeln und Schnorcheln machen hungrig. Auf Lifuka fällt einem die Wahl des Restaurants nicht schwer, es gibt nur eines, das Mariners Café. Geführt von einem Neuseeländer, der beim Segeln vor acht Jahren hier hängen geblieben ist. Aber, acht Jahre seien genug. Das Lokal sei zu verkaufen. Für 45'000 US$ könne ich es haben. Das ist jetzt schon das dritte oder vierte Objekt, das mir angeboten wird. Die Heilala Holiday Lodge könnte ich für 200'000 Euro und den Royal Sunset Resort für etwa eine halbe Million, in was weis ich für einer Währung, haben.
Trevor, der Besitzer des Mariners Cafés, steht also an sieben Tagen die Woche seit acht Jahren hinter dem Tresen und kocht und schwitzt und träumt davon, noch einmal ein wenig segeln zu gehen. Und die Gäste träumen von seinen "Trevor's Pasta", den Burgern oder dem frisch gebackenen Olivenbrot.
Ich schaue derweil der grossen Muttersau zu wie sie, am Strassenrand liegend, ihre zehn Kleinen säugt und schneide mir nette Happen von dem gebratenen Thunfisch, der den Fisch der "Fish and Chips" repräsentiert. Die Kartoffeln wurden vor zehn Minuten geschnitten und dürfen, nach ihrem obligaten Bad im heissen Öl, jetzt neben dem Krautsalat liegend auf meine Zähne warten. Dazu ein Glas nicht zu schlechten Orangensafts, frisch aus Brasilien kommend, und eine kleine Flasche Fiji-Wassers. Das mit der schönen südsee-blumigen Etikette.
Und wie von diesen Südseeblumen kommend flattern mir die Schmetterlinge um den Kopf als ich gesättigt den sandigen Weg zum südlichen Ende der Insel und dessen Sandbank unter die Räder nehme. Der Weg ist gesäumt von wilden Büschen und Kräutern, aus denen immer wieder Paare von schwarzen, mit weissem Muster verzierten, schaukelnd im Wind schwankenden Schmetterlingen auffliegen um den vorbei gleitenden Radfahrer zu bestaunen.
Rechter Hand noch ein paar bunte tongaische Grabhügel und schon öffnet sich die Sicht auf Sand, Meer und die Palmen 'Uoleva's.
In der Mitte Riff und Sandbank die nach 'Uoleva führen, links, gegen Osten, eine traumhafte, weisssandige Bucht mit türkis strahlendem Wasser und rechts, westwärts, der lange Sandstrand auf dem man bis nach Pangai zurück schlendern könnte. Beide Seiten sind sehr seicht und zum Schwimmen nicht besonders geeignet, aber dafür wirklich entzückend anzusehen. Perfekte Fotomotive eben.
Tiefdunkel grollend donnert die alte Dame über mich hinweg, den weissen Wolken entgegen. Das Prunkstück der Peau Vava'u Air ist eine rüstige DC-3 mit silbriger, von tausenden von Nieten geschmückter, Aluminiumhaut. Stolz kündet der im Stil der 50er-Jahre gehaltene Schriftzug "Skyliner" vom Triumph der Eroberung der Lüfte. So zieht sie also davon, über mich hinweg. Im Pazifikwasser stehend sehe ich ihr nach, bis sie in den Wolken Richtung Tongetapu entschwindet.
Hier am letzten Zipfel meiner Insel rollen die Wellen von beiden Seiten auf mich zu. Etwas stärker die aus dem Osten über das Aussenriff schwappenden, milde und sanft aus dem Westen. Wo sie aufeinander treffen schäumen sie auf und sprühend werden tausende kleiner Tröpfchen vom Wind in die Höhe gerissen um mir aufs Hemd und ins Gesicht zu klatschen. So stehe ich hier lange Zeit platschnass im Wasser, sehe wie West und Ost miteinander streiten und lasse Wind und Nass mit meinen Haaren spielen.
Erst als die inzwischen tief stehende Sonne, welche hinter den schattigen Umrissen von Kao und Tofua im Meer versinkt, die Tropfen in Gold verwandelt wird mir klar was mein zukünftiger Beruf sein soll: Wellen-Inspektor, Gezeiten-Kontroleur oder Sonnenuntergangs-Beamter. Ja, das soll er werden!