Bunte, schaukelnde Flecken hängen vor dem Grün der Bananenstauden in der Morgensonne. Der Tag verspricht sonnig zu werden. Heute ist Waschtag, denn in der gleissenden Sonne und vom Passat bewegt hat die Wäsche eine Chance trocken zu werden. Solche Tage muss man nutzen. So hat sich also eine der Frauen von Billy's Place zwei Waschschüsseln und einen niederen Hocker ins Gras vor den Hütten gestellt, zwei grosse Eimer Wasser angeschleppt und einen grossen Haufen schmutziger Wäsche neben sich aufgetürmt.
Billy's Place hat vier heruntergekommene Fales, die durch wackelige Holzstege mit der Frühstücksterrasse und dem Häuschen mit den WCs und Duschen verbunden sind. Im Hintergrund hört man immer das tosende Donnern der pazifischen Brandung die sich am Riff aufbäumt und zu schäumender Gischt wird. In den Wipfeln der Palmen rauscht der Wind und gelegentlich fällt ein grosses, überflüssig gewordenes, Blatt geräuschvoll zu Boden. Seltener das Plumpsen einer reifen Kokosnuss die auf der hier sandigen Erde aufschlägt.
Seit dem frühen Morgen macht ab und zu einer der Hähne auf sich aufmerksam. Sie spazieren, jeweils mit zwei oder drei Hennen als Hofstaat, durch den Garten, kratzen und picken hier, gluckern und gackern dort.
Ich jedoch bin mit dem Verzehr des Frühstücks beschäftigt. Heute gibt es frische in Öl ausgebackene Bananenkuchen. Dazu wird eine Isolierkanne heissen Wassers, mexikanisches, lösliches Kaffeepulver, das ganz scheusslich schmeckt, eine Dose Kaffeeweissmacher, eine Dose mit Teebeuteln und eine Schale frischen Obstes, normalerweise etliche kleine Wassemelonenschnitze und ein paar Bananen, gereicht. Der Platz wird seines reichlichen Morgenessens wegen gerühmt - und tatsächlich kommt man nicht zu kurz. Auch wird die Mehlspeise variiert, so gab es am ersten Tag noch warme Kokos-Muffins, dann frische Pancakes mit Ahornsirup und gestern Frühstücks-Crackers mit Butter und Marmelade.
So kämpft man auf der überdachten Terrasse mit Blick auf Garten und, durch die Lücken der Büsche, auch auf den tosenden Pazifik mit Ahornsirup und Kaffeeweissmacher, die durch den Wind getrieben widerspenstig weder auf den Pancake noch in die Teetasse wollen. Nein, der Sirup möchte viel lieber den ganzen Tisch verkleckern und am Schluss auf meinem Hemd landen und das beige Pulver wird von Reisegelüsten getrieben und möchte mit dem Wind den Westen der Insel erkunden.
Ich bin im Moment der einzige Gast, da das australische Paar von Fale 3 heute abgereist ist. So habe ich die Wahl welches der etwa zehn Räder ich für meine Ausflüge benutzen will. Ich nehme meist das gelbe.
So werde eben auch ich dem Ruf des Windes folgen und die Inseln radelnd erforschen.
Billy's Place liegt sowohl am Rande von Pangai, wie auch am östlichen Rand der Insel Lifuka. Lifuka ist mit dem Hauptort Pangai das bevölkerungsmässige Zentrum der Ha'apai-Gruppe und gleichzeitig Namensgeberin der Lifuka Gruppe welche Teil der Ha'apai-Gruppe ist und aus fünf grösseren Inseln besteht: Ha'ano, Foa, Lifuka, 'Uoleva und 'Uiha (von Nord nach Süd).
Foa und Lifuka sind durch einen etwa dreihundert Meter langen Damm miteinander verbunden, so dass die Hauptstrasse am nördlichsten Punkt Foa's beginnt, Foa durchquert, dann über den Damm zum Nordende Lifuka's führt um am südlichsten Zipfel der Insel zu enden. Hier kann bei Ebbe und nicht zu windigem Wetter der ortskundige Einheimische mit einem Pferd trockenen Fusses über eine Sandbank nach 'Uoleva gelangen. Was meint, dass die Füsse des Reiters trocken bleiben, nicht aber die seines Pferdes.
Wenn hier von einer Hauptstrasse die Rede ist könnte jedoch leicht der falsche Eindruck erweckt werden, es handle sich um eine viel befahrene Strasse. Um diese Vorstellung zu berichtigen mag man sich vor Augen führen, dass sich die Schüler auf dem Heimweg oftmals noch für ein Schwätzchen im Schatten eines grossen Baumes auf die Strasse setzen. Kommt dann doch mal ein Fahrzeug so rückt man eben ein wenig zu Seite. Auch kreuzt die Piste des Salote Flugplatzes auf Lifuka diese Strasse. Ist Flugverkehr zu erwarten werden die beiden Tore geschlossen und etwaige Verkehrsteilnehmer auf der Strasse haben zu warten bis Start oder Landung vollzogen und die Strasse freigegeben wird.
Mein gelbes Fahrrad und ich fahren auf sandigen Strässchen durch die Palmgärten und vorbei an den kleinen Hütten der Dörfer, kreuzen das Flugfeld, nehmen den Damm neben dem links und rechts das Meer in allen erdenklichen Cyan-, Türkis- und Blautönen schimmert und durchqueren dann Foa.
Mein Ziel ist der Houmale'eia Beach am nördlichen Ende. Die Strasse führt mich durch die Dörfer Fangale'ounga, Fotua, Lotofoa und schliesslich durch Faleloa, eine Siedlung mit etwa fünfzig bis sechzig Häusern und Hütten.
Faleloa ist sehr hübsch in einer Senke an einer idyllischen Bucht gelegen. Ein paar Palmen die ihre Wedel im Wind schwenken und Mangobäume deren Früchte auf den nahenden Sommer warten. Auf den Rasen um die locker verteilten Gebäude spielen zahlreiche Kinder. Vergnügt kreischend rennen sie in Richtung der grossen Benjaminusbäume, welche am Ufer stehen, einem alten Autoreifen hinterher, den sie hüpfend den Abhang hinunter rollen lassen. Näher bei der Strasse suhlen sich zwei Schweine in einem Erdloch, das der gestrige Regen braun und schlammig hat werden lassen. Weitere Muttertiere ziehen mit ihren Ferkeln der Strasse entlang, wühlen in der feuchten Erde oder suchen sich ein schattiges Plätzchen um in der Mittagshitze zu dösen.
Das weisse Pferd, vor einem rosaroten Haus an einem Holzpflock angebunden, knabbert am grünen Teppich, der sich von Haus zu Haus zieht, dies jedoch nicht ohne ab und zu einen wachsamen Blick auf den Drahtesel und seinen Reiter zu werfen. Entfernt wiehert ein Artgenosse. Helle Pferdeohren spitzen sich. Doch dann widmet sich das Tier wieder seiner Lieblingsbeschäftigung.
Das Wiehern kam aus einem Vorgarten einer schäbigen Hütte, vor der sich ein recht ansehnlicher Haufen Kokosnüsse stapelt. Von einem einachsigen Pferdekarren mit eisernen Rädern werden weitere Nüsse, die in den entfernt vom Dorf liegenden Pflanzungen gesammelt wurden, abgeladen.
Eine alte Frau hockt vor der Hütte und presst frische Kokosnussmilch aus dem eingeweichten Fleisch der reifen Nüsse in eine Aluminiumschüssel, die vor ihr auf dem Boden liegt. Darin wird gegen abend über rauchigem Feuer der frisch gefangene Fisch garen.
Ha'apai ist, so kann man in aller einschlägigen Reiseliteratur lesen, relativ unentwickelt, ja gar unterentwickelt, die Menschen hier nicht sonderlich gebildet. Sie leben hauptsächlich von dem was ihr Garten, ihre Pflanzung und das Meer ihnen bieten und scheinen, so der erste Eindruck nicht sehr täuscht, relativ zufrieden. Ja, sie scheinen im Frieden mit sich selbst zu sein. Niemand schämt sich seines geringen Besitzes wegen, man ist stolz ein Teil der Familie, der Sippe und des Dorfes zu sein. Die Kinder machen einen nützlich und werden einem später, im Alter, nützlich sein. So fliesst das Leben. Alte sterben, Junge kommen, die Kokosnüsse fallen von den Palmen, Fische verirren sich in den Reusen und wenn die Flut geht kommt die Ebbe. Und über allem weht der Passat. Im Osten kräftig rauschend, im Westen der Insel nur noch ein leises Säuseln in den Wipfeln.
Ha'apai ist unterentwickelt. Und unterentwickelt ist schlecht. Die Einheimischen sind ungebildet und ungebildet ist dumm. Und wenn sie müde sind schlafen oder dösen die Inselbewohner wo immer sich schlafen und dösen lässt. Und müde sind sie fast immer. Die Leute hier sind faul. Faul sein ist nicht gottesfürchtig. Faul sein ist schlecht.
Aber, ihnen kann geholfen werden! Und ihnen wird geholfen. Ihnen wird im Namen Australiens geholfen. Ihnen wird geholfen im Namen der Vereinigten Staaten Amerikas, im Namen des Friedens und im Namen der Bürger Japans. Und es wird ihnen geholfen im Namen Gottes. Selbstverständlich wird ihren Seelen nicht im Namen irgendeines Gottes geholfen. Gott behüte - nein, nein. Sie werden gerettet im Namen der methodistischen Gottes, im Namen des mormonschen Gottes und im Namen was weis ich welchen Gottes noch.
Faleloa ist, wie schon beschrieben, ein verschlafener kleiner Ort an einer westlichen Bucht Foa's. Und dessen relativ mittellose Einwohner sind geradezu prädestiniert gerettet und mit Hilfe versehen zu werden.
In den Jahren 1999 bis 2001 wurden, von Australien gestiftet, an fast allen Häusern jeweils etwa zwei bis drei tausend Liter fassende solide betonierte Zisternen zum Auffangen des auf dem Dach gesammelten Regenwassers gebaut. So ist praktisch jeder Haushalt bezüglich Wassers autonomer Selbstversorger. Regenwasser ist auf den Inseln Ha'apais das hauptsächlich verwendete Trink- und Kochwasser. Leitungswasser wird, wo überhaupt vorhanden, nur zum Waschen verwendet, da es meist leicht brackig ist.
Jetzt steht an der Hauptstrasse ein Schild auf dem die japanische Flagge prangt, darunter gross "Von der Bevölkerung Japans" und kleiner "Faleloa Wasserversorgungs Projekt". Wird jetzt hier, wie in Nuku'alofa auch eine Meerwasserentsalzungs-Anlage gebaut, da das Australische Projekt zu wenig (genauer: keine) Energie konsumiert und so irgendwie nicht genügend futuristisch ist? Auf jeden Fall: Ein "Danke" an die Bewohner Japans.
Chinesische Entwicklungshilfe habe ich auf Lifuka oder Fao noch nicht gesichtet. Aber ich glaube, die Chinesen bevorzugen sowieso prestigeträchtigere Projekte, wie das von ihnen gebaute Stadion in Nuku'alofa.
Aber vom Wasser allein lebt man ja nicht. So darf die Europäische Union mit der Idee "Leguminosen für eine dauernde Fruchtbarkeit der Erde" helfen. Das Landwirtschafts-Ministerium hilft mit Ziegen der Verbuschung Herr zu werden und neuseeländische Kühe die zwischen den Palmen wiederkäuen helfen bei der Kuhfladenproduktion.