Wer denkt Tonga liege in der Südsee irrt. Tonga ist ein klassisches Entwicklungsland und ich würde es auf der Weltkarte ungefähr zwischen Nigeria und Bangladesh platzieren. Entsprechend oft tritt der Begriff Entwicklungshilfe sowohl auf Tafeln vor Infrastrukturbauten wie auch in den Köpfen der Planungselite des Landes auf.
So steht in grossen Lettern auf der Aluminiumplatte, welche die Tür zu Meerwasserentsalzungs-Anlage ziert, "Von der Bevölkerung Japans". Der sorgenvolle Blick des deutschstämmigen Hotelmanagers auf die holprige Naturstrasse welche zu seiner Lodge führt hellt sich auf wenn von Australien die Rede ist. Die Australische Entwicklungshilfe-Behörde hätte letzten Monat Gelder gesprochen um die wichtigeren Strassen Nuku'alofas zu erneuern. Da gehöre seine Strasse sicherlich auch dazu - eine "richtige" Strasse soll es werden, mit Teer und Asphalt und Mittelstreifen schwärmt er. Allerdings werde er sich sofort nach deren Fertigstellung dafür einsetzen, dass links und rechts des Hotelparkplatzes Schwellen erstellt würden um für ein angemessenes Tempo vor seinem Hause zu sorgen. Diese Aufgabe haben bis anhin die Schlaglöcher kostenlos übernommen. Eventuell ist in diesem Zusammenhang noch erwähnenswert, dass es sich um eine etwa 900 Meter lange Quartierstrasse handelt, welche nach dem Hotel noch etwa acht Häuser versorgt um dann in einem Wäldchen als Feldweg auszulaufen.
Da hier der Begriff "Häuser" verwendet wurde drängt sich auch eine Klärung auf. In Tonga würde ich diesen Begriff wie folgt definieren: Ein auf dem Boden stehendes Objekt (Ausnahme: Während eines Taifuns werden auch fliegende Objekte zugelassen) welches Regen daran hindert direkt auf den Boden bzw. auf die Köpfe der Bewohner zu gelangen. Jedes Material und jede Methode es zu befestigen sind zugelassen. Natürlich gibt es auch villenähnliche Gebäude mit oder ohne hohem Stacheldrahtzaun. Und es gibt die Häuser in neuseeländisch/amerikanischem Bungalow-Stil. Es gibt sie mit einem Zimmer und im Garten befindlicher Toilette oder mit sechs Zimmern und echtem Badezimmer. Ein echtes Statussymbol ist ein Haus mit zwei Stockwerken. Solche Wohnhäuser sind selten und wer eines bewohnt hat es wirklich geschafft!
Die üblichste Art eines tongaischen Hauses ist jedoch eine Mischform zwischen einem einfachen Bungalow und dem was unsereins sonst aus Bildern von Grossstadt-Slums von Rio, Mumbai oder eben Abuja oder Dhaka kennt. Oder zu kennen glaubt, fehlen doch der Geruch und das Stolpern über Steine und Müll auf dem Weg oder das Ausrutschen im glitschigem Dreck.
Wer denkt Tonga liege in der Südsee irrt. "Kingdom of Tonga - das letzte Paradies", "Tonga, ein Paradies auf Erden" oder "Tonga gilt als Inbegriff von Südseeromantik". So oder ähnlich die markigen Sprüche der Vermarkter hiesiger Palmen und westlicher Illusionen. Auch im letzten Paradies hat man schon lange den ersten Biss vom Apfel, den die Schlange angeboten, genommen und es wird nicht der letzte bleiben. So liegt das Paradies wie überall im Sterben.
Wer denkt Tonga liege in der Südsee irrt. Tonga legt genau zwischen Nigeria und Bangladesh, nur das es eine Insel ist.